Marion erzählt

Was ist freies mündliches Erzählen?

Erzählen ist eine der ältesten Kunstformen. Die Menschen haben schon früh angefangen, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Abends am Lagerfeuer oder daheim am Herd, in Spinnstuben oder auf Basaren. Das war vor allem zu der Zeit, bevor es Kino, Fernsehen, Computer und Handys gab.

Inzwischen ist das Erzählen vielen Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr bekannt. Höchstens aus der Kindheit als Gute-Nacht-Geschichte kennt man es vielleicht noch, dass die Eltern oder Großeltern Geschichten erzählen – dann, wenn sie das Buch beiseite legen und statt vorzulesen mit ihren eigenen Worten eine Geschichte entstehen lassen.

Dass auch für Erwachsene Geschichten und Märchen erzählt werden, wissen nur wenige. Viele können es sich nicht einmal vorstellen, wie ein Erzählabend abläuft.

Das Schöne, das ich schon oft erlebt habe ist: Die meisten Menschen (also auch Erwachsene), die Geschichten erzählt bekommen, lauschen sehr schnell mit leuchtenden Augen und versenken sich in die Geschichten, seien es nun Märchen, Weisheitsgeschichten, Sagen, Mythen, Göttergeschichten oder zeitgenössische Stoffe.

Welche Formen des Erzählens gibt es heute?

Beim Erzählen gibt es zwei Richtungen: Zum einen die – vor allem im Bereich der Märchen – verbreitete Tradition, geschriebene Märchen auswendig zu lernen und wortgetreu vorzutragen. Eine sehr schöne Art, Märchen weiterzugeben.

Die andere – sehr viel ältere – Tradition des Erzählens ist das freie mündliche Erzählen. Das Wort „frei“ hat dabei zwei Aspekte: Erstens wird nicht auswendig gelernt, sondern die Erzählerin oder der Erzähler trägt frei vor und so wird sie oder er jedes Mal, wenn die Geschichte erzählt wird, etwas andere Worte benützen. Zweitens nimmt sich die Erzählerin oder der Erzähler die Freiheit, eine vorgegebene Geschichte oder ein Märchen zu verändern, damit es ganz und gar die eigene Geschichte wird.

Das freie mündliche Erzählen ist die Art, die mir persönlich sehr viel näher ist und deswegen erzähle ich frei.